Zum ersten Mal Onkologie

Wie oft war ich schon in der onkologischen Abteilung in O.? Die Ordensschwestern sind verschwunden, aber dieses Intra- und Interseelische, so auf bestimmte Weise ein behutsames und oft leises Miteinander, die die Glaubensgemeinschaft sicherlich hinterlassen hat, schwingt noch spürbar in dem Klinikgebäude. 

​Wenn man genau hinhört und ein wenig sein Inneres mit der Aura des Gebäudes verbindet, klingt das Echo des spirituellen Wirkens der Frauen, die ihre irdische Existenz ihrem Glauben und insbesondere dem Dienste an Kranken und Trostsuchenden widmeten, nach und scheint noch heute all jene zu beeinflussen, die tagtäglich an diesem Ort wirken.

Obwohl ich eine große Scheu vor Kliniken habe, sagte ich immer: "Wenn ich mich je in eine Klinik  begeben muss, dann nur in die St. Heiligenklinik O.!"

Das war natürlich zu einer Zeit, in der ich noch im schönen Baden wohnte. Ich hatte durch meine Arbeit in der Wohnungslosenhilfe immer wieder einen meiner sogenannten Klienten in der Klinik besucht und oft genug in der Onkologie. Die Heiligenklinik zeichnete sich immer wieder dadurch aus, dass sie "die Obdachlosen und Straßenleute" behandelte wie alle anderen Patienten auch und ihnen mit Würde begegnete.

Angst vor der Onkologie

Nun also bin ich zum ersten Mal privat und mit meiner Familie hier und fürchtet mich zutiefst. Ich habe gelernt, dass der Besuch in der Onkologie immer der Beginn etlicher Besuche ist. Das Muster gleicht sich auf erschreckende Weise.

Beim ersten Aufenthalt sieht der/die Betroffene noch relativ kräftig und vital aus. Schmerzen und andere Symptome haben zwar schon Spuren hinterlassen, aber eine ernsthafte Krankheit würde niemand vermuten und der Gewichtsverlust kann sogar zu ganz neuer Attraktivität beitragen.

Mit der Chemotherapie und Bestrahlung verändert sich alles. Plötzlich geht der Mensch gebeugter und schlurft müde den Gang entlang, hat Wirbel und platte Stellen in der Frisur vom vielen Liegen, aber was soll's, es sind zum Glück noch Haare da, die hier und da in verschiedenen Richtungen abstehen oder eng am Kopf anliegen. 

​Alle wissen, dass sie bald büschelweise ausfallen werden, aber man möchte sich das noch nicht vorstellen müssen, denn dann kann es jeder sehen, werden es alle wissen, dieser Mensch hat Krebs. O Gott, wie spricht man so jemanden an, wo schaut man nur hin beim Sprechen, bloß nicht immer dahin, wo mal die Haare waren, aber die Augenbrauen sind ja auch weg.

Sieht er/sie, wenn man immerzu an die Stelle schaut, wo mal die Augenbrauen waren? Immer nur in die Augen starren ist ja auch unnatürlich und könnte der/dem Anderen das Gefühl geben, erst recht haarlos zu sein. Warum haben die Schauspieler in Filmen eigentlich immer Augenbrauen und schöne, lange, dichte Wimpern, wenn sie Krebskranke spielen?

Mein Vater wird vergiftet

In unserem Fall sind wir noch nicht so weit. Die erste Dosis der Chemotherapie läuft gerade in Vaters Venen. Ich schaue stumm zu und habe zwiespältige Gefühle. Es ist schrecklich, wenn ich dieses Gift in seinen Körper laufen sehe, ich weiß, es wird viel in ihm zerstören und ihn erst einmal näher an die Schwelle des Todes rücken als er gerade ist. Wer möchte schon zusehen wie die Eltern vergiftet werden? Andererseits wird hoffentlich auch der Krebs zugrunde gehen, vergiftet werden und meinem Vater mittelfristig Lebenszeit schenken. Zeit ist plötzlich etwas sehr Wertvolles, sie wird von nun an die Währung sein, mit der in unserer Familie gehandelt wird. 

Später wird er Alpträume haben, in der ein Arzt in zu vergiften versucht. "Das ist kein Alptraum", sage ich zu meiner Mutter, als sie mir davon erzählt. "Das ist Realität - die Ärzte vergiften ihn."

Mir fällt eine wohnungslose Frau ein, die mich v.a. in meiner Studentenzeit sehr geprägt hat. Wohnungslose Frauen gibt es viel mehr als man annehmen möchte, weil ihre Wohnungslosigkeit oft verdeckt ist. Für eine Nacht an einem geschützten, trockenen Ort legen sie sich eher zu einem Mann ins Bett, der ihnen widerstrebt, als der Gewalt auf offener Straße ausgeliefert zu sein. Auch die Schamgrenze ist meist viel höher als bei den Männern, sie wollen nicht als Obdachlose in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Oft genug nehmen Frauen auch eine Gewaltbeziehung in Kauf, wenn sie Kinder zu versorgen haben, um den totalen Absturz zu vermeiden. Diese Art der Prostitution kann bei allem Elend das am wenigsten schlimmste Schicksal bedeuten, wird die Frau doch nur von einem Mann verprügelt, missbraucht und nicht selten auch vergewaltigt, statt von vielen verschiedenen.

Diese Frau, an die ich gerade denke, war eine eher exotische Erscheinung in der Szene. Sie "machte Platte" (draußen schlafen) wie die Männer, war mit Ende Fünfzig schon recht alt für diesen seit vielen Jahren andauernden Lebensstil und genoss aufgrund ihrer Erfahrung und Reife Respekt in der rauen Männerdomäne. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ihr etwas anzutun. Nicht mehr - diese Zeiten lagen hinter ihr.

Als ihr Verfall begann, besuchte ich sie in der Klinik. Sie freute sich über meinen Besuch, konnte aber die Enttäuschung darüber nicht verbergen, dass nicht der kam, auf den sie eigentlich wartete. Der Leiter der Wohnungslosenhilfeneinrichtung war ihr Held, sie himmelte ihn an und lebte ihre Verliebtheit mal offen, mal sehr diskret aus. Kam immer darauf an, ob sie gerade in einer Phase des exzessiven Alkoholmissbrauchs steckte oder abstinent lebte. Beides konnte Monate dauern.

Verlegen versuchte ich meinen Chef zu entschuldigen und verwies auf seinen straffen Terminkalender. "Er wollte so gerne kommen und dich sehen, aber er schafft es einfach nicht", log ich sie an. In Wahrheit hatte er ihre psychiatriereifen Ausfälle, die sie die letzten Wochen abgeliefert hatte, total satt und war froh, sie eine Weile nicht sehen zu müssen. Sie wusste das. "Ah ja, dann richte ihm doch bitte Folgendes von mir aus: eines Tages liegt er vielleicht mal da wie ich und kann sich nicht bewegen. Dann hat er plötzlich alle Zeit im Überfluss. Merk du dir das auch!"

​Plötzlich Zeit im Überfluss

Ich habe es mir gemerkt und denke oft daran. Wie wir immer denken, so viel Stress zu haben und für die wesentlichen Dinge keine Zeit bleibt. Bei meinem Vater war das auch so. Vor genau einem Jahr traf er die Entscheidung, das Aufgabengebiet eines ausgeschiedenen Kollegen mit zu übernehmen. Ich unterstelle ihm, dass er beweisen wollte, dass er es besser erledigen könne (die Arbeit des ehemaligen Kollegen war nicht sehr zufriedenstellend für alle Beteiligten gewesen) und dass er sich einbildete dafür Anerkennung seines Vorgesetzten zu bekommen. Mein Vater ist äußerst loyal und identifiziert sich extrem mit dem Unternehmen für das er arbeitet.

Er rackerte sich ab, stand oft mitten in der Nacht auf, um ganz früh im Büro zu sein und blieb lange. Zwar sah er Erfolg, aber die erhoffte Anerkennung blieb nicht nur aus, sondern führte im Gegenteil in eine hohe Erwartungshaltung und Gleichgültigkeit. Er erkannte erst spät was meine Mutter und ich ihm schon lange versuchten zu erklären: am Ende gibt es nicht mal eine feuchten Händedruck und wenn du deine Gesundheit ruinierst, wirst du einfach ersetzt. Nun ist es bestimmt nicht so, dass der Krebs dadurch entstand, aber ich habe das dringende Gefühl, dass er sich zu der Zeit explosionsartig im Skelett ausbreitete. Vaters Immunsystem war geschwächt, er litt immer öfter unter starken Erkältungen.

Um dem Vorgesetzten nicht allzu viel Unrecht anzutun, muss ich auf jeden Fall erwähnen, dass Vater sein Wunschauto bekam als ein Wechsel des Dienstfahrzeuges anstand. Das darf man sicherlich als Anerkennung interpretieren.

Nun also hat mein Vater plötzlich den ganzen Tag Zeit. In der Klinik strukturiert ein strammes Programm seinen Tag und oft genug erschöpfen ihn die ganzen Termine, Untersuchungen, Visiten und ja, bestimmt auch wir mit unserer permanenten Anwesenheit. Aber wie wird das Zuhause sein?

Ich hoffe inständig, dass er sich schrecklich langweilen wird, denn das würde bedeuten, dass er sich von dieser radikalen Giftkur erholen würde. Sogar die Ärzte sagen, dass er eine sehr aggressive Form der Chemotherapie bekommt. Es würde außerdem bedeuten, dass er sich mit seinen Einschränkungen, die er ohne Zweifel davontragen wird, zurechtfindet und es ihm in diesem neuen Rahmen gut geht, dass er nicht von Schmerzen zermürbt wird.

Ich hoffe, dass der nächste stationäre Aufenthalt in der Onkologie noch mindesten eineinhalb Jahre entfernt liegt. Denn ich habe ja gelernt, dass noch weitere folgen. Dann wird er nicht mehr so vital aussehen wie jetzt. Mein kindliches Ich möchte, dass ein Wunder und unerklärlicherweise Heilung geschieht. Dass dies der einzige Klinikaufenthalt bleibt. Mein erwachsenes Tochter-Ich möchte, dass er einen weiteren Klinikaufenthalt ablehnen wird, um sein Leben im Kreise seiner Lieben und der vertrauten Geborgenheit seines Zuhauses zu beschließen.

Nach ausführlichen Gesprächen mit den verantwortlichen Medizinern weiß ich seit heute, dass der Krebs schon das gesamte Skelett befallen hat und dass alles was sie an Therapie anbieten nur dazu dient, den weiteren Verlauf hinauszuzögern. Heilung ausgeschlossen.

Ich hinterfrage all die Untersuchungen, die sie noch planen, um doch noch den "Primärtumor" zu finden, damit sie die Chemotherapie entsprechend gezielt einsetzen können. Ein letzter Eingriff noch, dann sei Schluss, verspricht der Oberarzt. Lungenspiegelung. Was soll das bringen? Wenig, gibt der Oberarzt zu, aber ich merke an der Reaktion meines Vaters, dass es ihm wichtig ist zu wissen, wo seine Krankheit ihren Ursprung hat. Und was er möchte, ist das was zählt, beschließe ich meinen inneren Dialog.

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