Über Nähe und Distanz

Krebs gibt einem nicht viel Zeit, sich umzustellen. 
Wenn der erste Schock schwindet und der Verstand zu erfassen beginnt, was all das bedeutet, sind die Mediziner schon längst drei Schritte weiter. Untersuchungen, Chemotherapie, Bestrahlung - es gibt kaum Zeit dazwischen, in der sich die Familie in Ruhe miteinander austauschen kann. In dieser Hektik traue ich mich kaum nach den Nebenwirkungen und Risiken zu fragen. Alternativen? Der Arzt schnaubt verächtlich.

Ich weiß nicht was all das für meinen Vater bedeutet. Ich weiß nicht was er fühlt. Ich kenne seine Gedanken kaum. Ich traue mich nicht, ihn zu fragen. Das ist die Wahrheit.
Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen. Aber ich weiß, dass ich einen starken, gesunden Körper habe. Manchmal, vor dem Einschlafen, stelle ich mir vor, ich wäre er, wir tauschen die Körper. Dann liege ich im Bett neben meiner Mutter und lausche ihrem Atem. "Wie lange werde ich das noch hören können?" Bevor die Verzweiflung übermächtig wird, höre ich mit diesem absurden Versuch auf.

Viele Wahrheiten

Eine weitere Wahrheit ist, dass mein Vater mit all den Veränderungen nicht gut klarkommt. Plötzlich ist er nicht nur schwer krank, sondern auch noch behindert. Bald sogar amtlich mit Ausweis.
Mit einem Mal stehen finanzielle Sorgen im Raum. Er wird bald Krankengeld beziehen, viel weniger als sein Monatslohn. Meine Mutter ist auch krank geschrieben und bezieht bald ebenfalls nur noch Krankengeld.
Wir diskutieren meines Vaters berufliche Perspektive. Vielleicht kann er einige Stunden am Tag von zuhause aus arbeiten ... Im Nachhinein möchte ich fast auflachen ob solcher Ideen. Überleben sollte das einzige Thema sein, um das wir uns kümmern. Aber das wissen wir noch nicht.
So viel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten als Gegenpol zu den unzähligen Ausnahmesituationen, das ist unsere persönliche Familientherapie.

Die Aussicht bald als invalider, vielleicht sogar an den Rollstuhl gebundener Mann zu hause, ohne Aufgaben sein Dasein zu fristen, ist schlimm für meinen Vater. Er möchte nicht nur gebraucht werden, sondern produktiv sein. "Du bist dann mein Hausmann, kümmerst dich um den Haushalt und organisierst alles im privaten Bereich", versucht ihn meine Mutter aufzumuntern.
Das reicht ihm nicht. Es geht also nicht nur um das fehlende Einkommen. Er plant ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten über die Option "Homeoffice" und wird zufriedener.
Was ihm aber noch mehr zusetzt sind die Kompetenzen, die wir ihm Schritt für Schritt aus der Hand nehmen. Zugang und Passwort für das Online Banking, Entscheidungen was eingekauft wird, über all das hat er plötzlich nicht mehr zu bestimmen. Angesichts der bedrohlichen Krankheit eigentlich nebensächlich, sollte man meinen. Aber diese Veränderung fällt meinem Vater am schwersten.
Wir versuchen, es ihn nicht merken zu lassen, aber Fakt ist: Er kann all das nicht mehr. Er vergisst viel und selbst kleinste Entscheidungen können ihn überfordern.

​Seine soziale Stellung innerhalb der Familie ändert sich abrupt.

Herausforderungen als Tochter

Meine Mutter ist bei jeder Behandlung, bei jeder Untersuchung dabei.
Aus Rücksicht auf alle, denen eine Strahlentherapie noch bevorsteht, unterlasse ich es zu beschreiben, warum sie auch  dafür mitkommen musste. Die meiste Zeit verbringt sie im Krankenhaus mit meinem Vater und als er wieder zurück nach hause kommt, ist neben den täglichen Fahrten in die Klinik, immer viel zu organisieren. Am praktischsten ist, dass ich mich darum kümmere, dass alle Rechnungen weiterhin pünktlich bezahlt werden und die Schwerbehinderung beantragt wird. Wir müssen auch eine Übersicht über die Finanzen erstellen, um planen zu können.

Ich weiß noch genau wie es sich anfühlte als ich den Zugang zum Online Banking meiner Eltern bekam. Wieder zu hause, 600 km weiter nördlich, starre ich immer wieder den Bildschirm meines Computers an und habe eine natürliche Hemmung, mich einzuloggen.
Ich werde den Kontostand meiner Eltern sehen. Ich werde ihre Einkäufe sehen. Ich dringe tief in ihre Privatsphäre ein.
Mein Blick wandert zu den Leitz-Ordnern mit ihren Versicherungen, Sparverträgen und sonstigem. Auch die möchte ich nicht öffnen.

Nach anfänglicher Überwindung ist es bald selbstverständlich für mich, die sensiblen Unterlagen zu durchforsten. Ich bespreche mich mit meinem Steuerberater, telefoniere mit der Versicherung.
Aber ein komisches Gefühl bleibt.

Die Lösung bringt ein offenes Gespräch mit meinen Eltern. Ich erzähle ihnen wie sich diese Grenzüberschreitung für mich anfühlt und dass ich mir bewusst bin, dass es eine Grenzüberschreitung ist. Da mein Vater sowieso schon unter seinem Kompetenzverlust leidet, adressiere ich folgendes vor allem an ihn:
"Ich verlasse in manchen Angelegenheiten nun die Rolle als Tochter und übernehme Verantwortung, die man eigentlich als Eltern seinen Kindern gegenüber einnimmt. Ich treffe Entscheidungen und dringe in eure Privatsphäre ein. Sobald sich die Situation verändert und das nicht mehr nötig ist, werde ich diese Rolle wieder ablegen und meinen Platz, der mir als euer Kind geziemt, wieder einnehmen. Das ist nur vorübergehend so."
Wir sind alle drei ziemlich erleichtert.

Scham

Mein Vater bekommt nun immer Schweißausbrüche, wenn ihn etwas stresst. Auch emotionale Angelegenheiten. Wenn es schlecht läuft, bekommt er einen "seiner Anfälle". Eine Welle Schmerz übermannt ihn dann, er beginnt zu weinen und zu hyperventilieren.
Ich bin ein Mal bei einer solchen Attacke dabei. Meinem Vater ist das hinterher unangenehm, und er möchte sich entschuldigen. Ich bin aber extra im Raum geblieben als es passierte, um ihm zu zeigen, dass er sich nicht zu schämen braucht und dass ich belastbar bin. Ich glaube, es wird noch einiges mehr sein, das ich zu sehen bekommen werde.
Trotzdem habe ich auch hier einen Moment lang das Gefühl, in die Privatsphäre meiner Eltern einzudringen als meine Mutter beruhigend auf ihn einredet und ihn wiegt wie ein Kind. Verlegen schaue ich zu Boden.

Nähe

"Möchtest du mich nicht mehr anfassen, weil ich Krebs habe?" Es ist eine dieser Aussagen, die ich mir notierte, weil ich sie mich tief durchdrungen haben und ich den Moment festhalten wollte.
Ich hatte gezögert, meinen Vater zu umarmen.
Ich spüre Unsicherheit, weil ich befürchte, er könnte Schmerzen spüren, aber die Wahrheit ist: Wir haben uns vorher auch nur selten in den Arm genommen. Wenn ich es genau überlege, haben wir es meist vermieden einander überhaupt zu berühren. Seit meiner Pubertät ist das so.

​Eine weitere Wahrheit ist: Man kann nicht plötzlich Nähe herstellen, die vorher nicht bestand.
Mit Fortschreiten der Krankheit hasse ich mich manchmal dafür, dass ich das nicht einfach überwinden kann. Ihm zuliebe. Aber es geht nicht. Irgendwann entscheide ich mich dafür, authentisch zu sein. Ich berühre ihn, wie und wann mir danach ist und lasse es bleiben, wenn ich mich dabei unwohl fühle. Also fast nie.

​Noch eine unangenehme Wahrheit: Manchmal habe ich Hemmungen, seinen verfallenden, kranken Körper zu berühren, weil es mir davor graust. Seine Frage, die ich zu Beginn dieses Abschnitts wiedergegeben habe ist nicht sehr weit von der Realität weg. Ja, es überkommt mich ab und zu ein gewisses Schaudern, als könne ich ebenfalls krank werden, wenn wir uns zu nahe sind. Und ich habe Angst davor, zu spüren was er spürt. Ich könnte das nicht aushalten.

Um Nähe herzustellen wie ich mir - und vielleicht auch er sich - das wünsche, bräuchten wir Zeit. Das ist ein Prozess. Dann hätte ich mich wahrscheinlich auch getraut, all die Fragen zu stellen, die nun für immer ungestellt bleiben. Dann müsste ich mir nicht wieder und wieder vorstellen, was wohl in ihm vorgegangen war. Welche Ängste quälen  ihn am meisten? Ab wann spürt er, dass er nicht mehr genesen wird? Fürchtet er sich vor dem Tod? Welche Sorgen macht er sich um jene, die er zurücklässt? 
Was sind seine schönsten Erinnerungen? Was wünscht er sich für uns?

Krebs ​kann ein Tempo vorgeben, das für solche Prozesse keinen Raum lässt.

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