Neue Währung Zeit

Die Zeiteinheiten verändern sich. Zwei Wochen waren für mich bisher eine überschaubare Sequenz. Im Zusammenhang mit meinem Vater können sich zwei Wochen inhaltlich auf zwei Monate ausdehnen, wenn man die Krankheit als Skala anlegt. Vor vier Tagen schickten wir uns noch SMS, nun kommt keine Antwort mehr. Es ist zu anstrengend geworden. Innerhalb weniger Tage findet statt, wozu Monate vonnöten wären.

Andererseits vergehen zehn Jahre jetzt innerhalb eines Monats. Bevor mein Vater sehr schwach wurde, alterte er in kurzer Zeit um Dekaden. Jetzt ist er nicht nur äußerlich alt, sondern auch sein Körper vergreist zunehmend. Ein Knochen nach dem anderen bricht, er hat Ostheoporose im Zeitraffer, die Muskeln sind verschwunden und das Atmen wird zur Aufgabe.

Wo die Zeit sich zum Raum ausdehnt

Wenn ich mich darauf einlassen kann und mich auf Zeitreise begebe, und es mir gelingt, seine Welt zu betreten, verschiebt sich die Wahrnehmung nicht nur in Richtung "Zeit ist relativ", sondern etwas Faszinierendes findet statt: Plötzlich lockert die Verzweiflung ihren eiskalten Griff und die Ruhe klopft an.

​Denn im Zeit-Raum meines Vaters ist er als alter Mann am Ende seines Daseins angekommen. Der Tod reicht ihm schon die Hand, der Körper löst sich langsam auf, es ist Zeit zu gehen, und es ist, Hier und Jetzt, die richtige Zeit.

In meinem eigenen Zeitbewusstsein dominiert das Gefühl, dass er lange vor seiner Zeit gehen und viel zu früh sterben muss. Nicht einmal seinen 60. Geburtstag kann er feiern. Er wird keine Enkelkinder im Arm halten, seinen Sohn nicht heiraten sehen, die Rente nicht erreichen.

Die Liste der "Niemalspunkte"wird nie vollständig sein. Das lässt mich mit dem Schicksal hadern und verleiht der Verzweiflung große Macht.

"Zeit ist relativ" - ich verstehe zum ersten Mal in meinem Leben, was das bedeutet und welches Heil in dieser Erkenntnis stecken kann. Von nun an werde ich mich so oft es geht im Zeitraum meines Vaters bewegen, damit mir das Loslassen gelingt.

Guthaben sparen

Ungleich unseres Zahlungsmittels, gibt es hier keine Chance auf ein Darlehen. Wo sollte man auch hingehen, um danach zu fragen? Man muss weise wählen wie die Zeit eingesetzt wird, wogegen sie getauscht wird.

Einer meiner liebsten Kinderbücher und -filme war Momo. Ich sehe diese grauen Herren vor meinem inneren Auge, die mit ihren Zeitzigarren umhergeistern, um den Menschen ihre Zeit zu stehlen. Ich ertappe mich dabei wie ich mir vorstelle, ich fände ein Depot an solchen Zigarren.​ Manchmal ist es einfach schön, sich an einen utopischen Ort mit magischen Möglichkeiten zu träumen.

Was am Ende des Lebens bleibt, sind Erinnerungen. Geh und erschaffe jeden Tag schöne und wertvolle davon.

Maria Jeanne Dompierre

Immer wieder denke ich darüber nach, wie oft wir auch diesbezüglich sinnlos konsumieren. "Am Ende eines Lebens bleiben Erinnerungen", habe ich mal gehört. Während wir lebten, gelte, viele schöne und wertvolle Erinnerungen zu kreieren.

Und dennoch glaube ich auch, dass jeder Mensch die Währung Zeit auf einem Depot ansparen kann, indem er Rauschmittel nur gelegentlich konsumiert, seinen Körper artgerecht ernährt und die Seele pflegt.

Lebenszeit macht nur dann wohlhabend, wenn das Guthaben der Lebensqualität ebenfalls sehr hoch ist.​

Später, als mein Vater im Sterben liegt, sagt meine Mutter: "Er ist zwar noch da, aber er gehört schon nicht mehr uns." Irgendwo zwischen Hier und Dort, ​hat sich ein ganz neuer Raum aufgetan, dessen Pforte aber nur den Scheidenden offen steht. Zeit und Raum sind die Orientierungspunkte der Lebenden; zu dieser neuen Welt, in die mein Vater im Begriff ist zu reisen, habe ich, haben wir, keinen Zutritt mehr.

Ich bin in Norwegen in diesen Tagen und eventuell werde ich meinen Vater nicht mehr wiedersehen. Einerseits macht mich das traurig, ich wäre so gerne bei meiner Familie. Andererseits, und es nicht ganz einfach auszusprechen, bin ich erleichtert, dass ich mich auf so elegante Weise drücken kann. Ich fürchte mich vor der Intensität meines Schmerzes. Ich fürchte mich aber auch vor der Intensität der Gefühle meiner Mutter. Ich weiß nicht wie ich das schaffen soll und doch sollte ich an ihrer Seite sein. Morgen fliege ich zurück.

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