Loslassen in seiner radikalsten Form

Es existiert keine höhere Schule als das Leben selbst. Neulich wurde ich zu einem sehr besonderen Ereignis am anderen Ende des Spektrums "Leben" eingeladen, um das Loslassen unter extremen Bedingungen zu lernen. Es galt, für immer Abschied zu nehmen. Aber damit was das Thema Loslassen noch nicht erledigt.

Fatale Fehldiagnose

Als mein Vater wegen seiner noch nicht diagnostizierten Krebserkrankung schon erhebliche Schmerzen hatte, vertraute er sich endlich seiner Hausärztin an. Er setzte großes Vertrauen in sie.

Ich war bei den Terminen nicht dabei, aber es kam mir schon komisch vor, dass sie ihm sofort Cortison verschrieb. Sie hatte den dringenden Verdacht auf Rheuma und verabreichte das antientzündliche Medikament, weil es auch zur Diagnosefindung dient. Wenn es sich um Rheuma handelte, würden die Symptome wesentlich besser werden.

Es wurde nichts besser, die einzige wesentliche Veränderung war die rapide Verschlechterung der Lage. Mein Vater war zunehmend in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, der Rücken schmerzte, aber auch Beine und Schultern.

Die Ärztin verschrieb ebenfalls Physiotherapie. Der Physiotherapeut knetete meinen Vater nicht nur gründlich durch, sondern spannte ihn auch auf die Streckbank, wo er vor Schmerzen laut aufheulte. Dann verließ der Therapeut den Raum mit dem Hinweis, er käme "bald zurück".

In den darauffolgenden Sitzungen ließ er meinen Vater außerdem auch noch mit überstrecktem Rücken über einen Gymnastikball liegen. Bei den Verspannungen sei es kein Wunder, dass es so wehtue, er solle sich mal durch den ersten Schmerz durchbeißen und nicht so wehleidig sein. Der Physiotherapeut verließ sich natürlich auch auf die Diagnosestellung der Hausärztin.

Wie sich später herausstellte, hatte mein Vater zu jenem Zeitpunkt schon diverse Rippenbrüche und zwei gebrochene Wirbel, andere Wirbel standen kurz vor dem Bruch. An drei Stellen war das Rückenmark akut bedroht, so dass bei abrupten Bewegungen eine Querschnittslähmung drohte.

Obwohl es offensichtlich nicht angeschlagen hatte, wollte die Ärztin das Cortison nicht absetzen und meinte, dass das Medikament auch nicht wirklich schädlich sei, immerhin sei Cortison doch ein Stoff, den der Körper selbst produziere. Sie machte einige Bluttests, um dem Leiden meines Vaters auf die Spur zu kommen und wollte das Cortison in unbestimmter Zeit ausschleichen. Leider waren durch das Cortison einige wichtige Blutwerte verfälscht, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Da dies kein Tagebuch darüber werden soll (obwohl es sich fast so spannend lesen würde wie ein Krimi - da ich aber immer wieder darum gebeten werde, habe ich die Rubrik "Krebs" auf dieser Webseite eingerichtet, wo man mehr darüber lesen kann), was noch alles geschah, verkürze ich die Geschehnisse, um auf das Wesentliche zu kommen. Nachdem mein Vater seinen Zustand nicht mehr aushalten konnte, gab er dem Druck der Familie nach und war bereit, sich in eine Klinik zu begeben. Er bekam eine Überweisung in eine Fachklinik für - Rheuma.

Patient wird ernstgenommen

In jener Rheumaklinik wurden endlich die richtigen Verfahren, nämlich mittels moderner Technik, zur Diagnose eingesetzt und das wichtigste: Man nahm die Symptomatik und den Leidensdruck meines Vaters sehr ernst.

Ein halbes Jahr später starb der Mann, der mich nahezu mein ganzes Leben begleitet hatte und ließ außer seiner erstarrten Tochter auch einen verzweifelten Sohn und eine völlig fassungslose Ehefrau zurück. Er wurde 57 Jahre alt.

Ich glaube nicht, dass er in der verlorenen Zeit eine Chance auf Heilung gehabt hätte. Ich glaube auch nicht, dass sich innerhalb von Wochen die Tumore so explosionsartig verbreiten konnten. Der Krebs war schon längst weit entwickelt. Aber mein Vater hätte viel früher Erleichterung durch Schmerzmittel erfahren können. Es war außerdem reines Glück, dass er nicht obendrein noch querschnittsgelähmt wurde.

Was ich dadurch gelernt habe

Fremd- und Eigenverantwortung

Wir sollten davon ausgehen, dass die allermeisten praktizierenden MedizinerInnen immer ihr Bestes geben. Aber die Gründe, warum sie es manchmal vielleicht nicht können, sollten uns nicht daran hindern, weiter am Ball zu bleiben. Niemand kann die volle Verantwortung für unsere Lage tragen, außer uns selbst.

Wenn wir uns von MedizinerInnen nicht ernstgenommen fühlen, sie vielleicht zu wenig Zeit haben oder wir Zweifel hegen, kann eine zweite fachliche Meinung sehr hilfreich sein. Wir können auch nicht erwarten, dass ein Arzt oder eine Ärztin immer das gesamte Zusammenspiel verschiedener Fachkollegen im Überblick hat, auch wenn das theoretisch der Idealfall ist. Sie haben sehr viele verschiedene Fälle jeden Tag zu betreuen. Als Betroffene/r sollten wir uns deswegen selbst immer verantwortlich dafür fühlen, zu wissen, was gerade wer und warum tut - oder noch tun wollte.

Wer, wie ich, als medizinische Laie immer wieder mit Menschen in Beratungen zu tun hat, die auch krank sind oder es sein könnten, muss sich immer der Grenze klar sein, die nicht nur ethisch zu ziehen ist, sondern die auch die Gesetzgebung vorschreibt. Menschen, die Rat suchen, bringen oft ein großes Vertrauen mit und können auch unrealistische Erwartungen hegen. Wer da als BeraterIn sein Ego nicht im Zaum hat, kann großen Schaden anrichten.

Deswegen rate ich meinen SchülerInnen immer zu Supervision* und regelmäßige Praktiken wie Meditation, die die Persönlichkeitsentwicklung anregen und unterstützen.

Vergeben und Loslassen

Irren ist menschlich. Diese Redewendung hatte in meinem Fall einen mehr als schalen Beigeschmack. Natürlich hegte ich erst einmal großen Groll gegen diese Medizinerin. Als mein Vater starb, schlug die Trauer in Aggression um, die ich mir verbot auszuleben. Ich hatte Gedanken, wie:

  • "Wehe eine Heilpraktikerin hätte eine so krasse Fehldiagnose gestellt, da wäre der Skandal perfekt." Oder
  • "Man sollte das öffentlich machen, damit niemand mehr in ihre Praxis kommt und sie keine Menschen mehr gefährden kann."

Wie können solche destruktiven Gedanken und Gefühle mir helfen, besser mit der Trauer umzugehen? Antwort: überhaupt nicht

Inwiefern bessert sich meine Lage und die meiner Familie, wenn ich so etwas denke oder gar danach handle? Antwort: null

Was ist jetzt am wichtigsten?

Antwort: für meine Familie da sein und Raum zulassen für den Trauerprozess

In jenen Tagen schrieb ich das Buch "Vergebung kommt Herzen".

Ich beschreibe darin, wie Hass und Groll den Geist vergiften und wie Vergebung, trotz schwieriger Lage, gelingen kann. Wie wir uns selbst schaden, indem wir an diesem Groll festhalten und warum Vergebung so heilsam ist.

Konkreten Fallbeispiele stützen diese Thesen und zeigen Wege, die man stattdessen beschreiten kann.

Als ich begriff, dass meine Wut nur das Ventil für die Verzweiflung war, die mich angesichts der harten Realität traf, dass das Schlimmste, nämlich das Ableben meines Vaters, geschehen war und ich merkte, dass ich die Wucht meiner Emotionen auf diese Frau projizierte, wurde ich ruhiger.

Jeden Tag machte ich meine Vergebungsmeditation, die mir auch schon ein Jahr zuvor geholfen hatte, die Einzelteile meine Seele wieder zusammenzusetzen. Ich schrieb das Buch zu ende und konnte es um weitere wertvolle Aspekte bereichern, weil meine Eindrücke so frisch waren.

Die letzte wichtige Lektion meines Vaters​

Mein Vater hat mich vieles gelehrt, von dem ich heute sehr profitiere.

Seine Krankheit und sein Sterben haben mir außerdem beigebracht, wie wertvoll und kostbar Lebenszeit ist und dass das weitaus mehr als ein Kalenderspruch ist. Es zählt wirklich jeder Augenblick und wie ich die Qualität eines jeden Moments gestalte.

Vergebung bedeutet ja nicht nur, einem anderen Menschen etwas zu verzeihen, sondern loszulassen von Gefühlen, die mich in vielfältiger Form behindern und mich vom Wesentlichen, vom Leben selbst, ablenken. Ja, ich wage zu behaupten, vom Leben nahezu abhalten.

Und die größte Übung des Lebens, das Loslassen, hier in seiner radikalsten Form, das war die letzte Lehre von allergrößtem Wert, die mein Vater mir für meinen weiteren Lebensweg mitgegeben hat. Seit über 15 Jahren praktiziere ich schon Meditation und übe mich im Loslassen, aber nie kam ich so weit wie in dem Moment, als sich der Sargdeckel endgültig schloss.

Plötzlich sind Fehldiagnosen, die Frage nach Schuld oder Ähnliches nicht mehr relevant.

* Fachliche Begleitung von Einzelpersonen, Gruppen oder Teams, um das eigene persönliche oder berufliche Handeln zu reflektieren.

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