Diagnose Knochenkrebs

Mein Handy ist mitunter Tage lang ausgeschaltet und oft genug weiß ich nicht mehr wo ich es hingelegt habe und kann es zwei Wochen lang, manchmal länger, nicht finden.

In einem Vorort in London erreichte mich die dringende SMS meiner Mutter daher zwei Tage zu spät: Ich brauche deine Hilfe.

Ohne dass ich es bemerkt hatte, war mein Handy ausgegangen, weil der Akku leer war. Das eine Mal, bei dem ich mein Mobiltelefon hätte hüten sollen!

Drei Wochen bevor ich in das Vereinigte Königreich aufbrach, litt mein Vater unter starken Schmerzen im Rücken. "Nun werden die Schmerzen in meinen Beinen wenigstens überdeckt," sagte er am Telefon, denn in den Beinen hatte es angefangen.


Schlimme Nachrichten

Hausärztin, Orthopäde und Physiotherapeut waren ratlos. "Rheuma", orakelten sie. Ich hatte meine Eltern gedrängt, ins Krankenhaus zu gehen und war besorgt. Nachts wachte mein Vater auf und weinte vor Schmerz. Ich hoffte, dass er richtig eingestellt wurde mit Schmerzmittel und war gespannt was mir meine Mutter berichten würde. Ich wollte unbedingt gleich Bescheid wissen was die Klinik unternommen hatte.

SMS von meiner Mutter:

Es ist ganz schlimm. Tumore an Wirbelsäule und Rippen. Am Montag Verlegung in Onkologie nach Soundso.

Ich starrte auf den Bildschirm und kämpfte gegen den aufkommenden Würgereiz. Ich las die Mitteilung mehrere Male, um zu begreifen, was das zu bedeuten hätte. Mein Vater voller Krebs? Er war doch erst 57! Ich stellte mir ein paar winzige Tumore vor, die wie kleine Wölkchen außen an den Knochen saßen.

Die Bilder, die ich eine Woche danach zu Gesicht bekam zeigten ausgehöhlte Wirbel, zwei von ihnen bis zur Hälfte aufgelöst und brüchig. "Wie Schweizer Käse", beschrieb meine Mutter am Telefon, bevor ich die Bilder sah.

Das Schlimme an der Diagnose Krebs ist die unmittelbar aufsteigende Todesangst, die an dir haftet wie übel riechender Schlick, wenn du aus Versehen in modrig-wässrigem Gebiet in die klebrige Masse getreten bist und deinen Fuß mit lautem Schmatzen herausziehst. Wenn du Glück hast, bleibt dein Schuh dran.

Wenn du Glück hast, ist der Krebs noch nicht weit entwickelt.

In unserem Falle bleibt der Schuh, um bei der Metapher zu bleiben, im Schlick stecken und wir wissen noch nicht, ob wir ihn im dunklen Schlamm wiederfinden werden. Befall des gesamten Skeletts, außer den Armen.

Ich bin verzweifelt und frage mich, ob es sich wohl lohnt, mit den Händen im Schlamm zu wühlen?

Nichts ist wie es mal war

Wieder zu Hause, stelle ich mich unter die Dusche und weine laut wie ein kleines Kind. Ich verlege die meisten meiner Termine und fahre die über 600 Kilometer zu meinen Eltern. Ich bin froh, dass mir meine Mutter vorher ein Bild von meinem Vater im Klinikbett schickt. Ich hatte mich vor seinem Anblick gefürchtet. Er sieht ganz normal aus, nicht mal wirklich krank.

„Jetzt sind wir also dran“, denke ich als ich die onkologische Abteilung betrete. Von vielen anderen hatte ich Krebs mitbekommen, leider fällt mir auf Anhieb auch niemand ein, der einen nennenswerten Zeitraum gelebt hätte.

„Musst du sterben?“ fragte mein siebenjähriger Bruder meine Mutter nach ihrer Operation mit ernsten Augen. „Nein“, antwortete sie aufrichtig und damit war das Thema für den Kleinen abgehakt. Das ist jetzt genau zwanzig Jahre her, der Tumor in der Gebärmutter war im absoluten Anfangsstadium und konnte operativ entfernt werden und zwar so gründlich, dass es nicht mal was zum Bestrahlen gab. Bei der Routineuntersuchung im Labor entdeckt!

Meinem Vater fiel damals alles aus der Hand. Ein Mal hielt er ein Tablett mit einer Kaffeetasse und einem leeren Teller darauf, als er den Tisch nach einem Kunden abräumte. Ich half ihm im Laden, um ihn zu entlasten. Er sah mich an und ließ einfach los. Krachend zerbarst das Geschirr auf den Fließen. Stumm fegten und wischten wir die Reste gemeinsam auf.

Gestern erzählte mir meine Mutter, dass sie, als sie das Auto aus dem Service abholte und losfahren wollte, bemerkte, dass sie hinten eingestiegen war.

Ich schickte ihr diese SMS, nachdem ich fünf Sekunden nach unserem Telefonat bereits vergessen hatte, was ich für sie erledigen wollte: 


O Gott, ich glaube wir müssen jetzt sehr geduldig miteinander sein. Schusslig und vergesslich sind wir schon geworden.

Ich bin heilfroh, dass ich einige praktische Dinge für meine Eltern erledigen kann, so bin ich irgendwie nützlich und kann mich in Aktivismus stürzen, statt nur hilflos auf die Situation zu starren. Ich möchte so gerne v.a. für meine Mutter eine Stütze sein, damit sie sich nicht so alleine mit allem fühlt.

  • Steuererklärung abgeben
  • Brennholz einräumen
  • Antrag auf Schwerbehinderung stellen

Ich flüchte mich in die tröstende Welt der Bürokratie und bin gleichzeitig fest entschlossen, alles, was nicht unmittelbar mit Klinik und meinem Vater zu tun hat, von meinen Eltern fernzuhalten.

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