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Hier und Jetzt

​Hier und Jetzt

Eine einfache und kurze Übung für den Alltag, um im Hier und Jetzt zu sein. Warum das überhaupt wichtig ist und was Hier und Jetzt bedeutet. Wie dein Gefühlsleben intensiver wird und was das mit Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit zu tun hat.

In der Ruhe liegt die Kraft. Mehr als nur ein Spruch.
Kraft schöpfen wir immer aus dem Moment.

Deswegen ist es so wichtig zu lernen, im Hier und Jetzt zu sein.
Es ist unsere Kraftquelle, das Gegenmittel gegen Hektik und innere Unruhe.

2-Minuten-Übung für
das Hier und Jetzt

Schmecken, riechen, tasten, hören und sehen.

Zum Wahrnehmen brauchen wir unsere fünf Sinne. Sie geben uns die ersten Informationen zur Weiterverarbeitung. Erst dann beginnen wir zu denken. 

Um aus deinen Gedankenkaskaden wieder herauszufinden, kannst du dich auf deine fünf Sinne “besinnen”.

Kümmere dich nicht weiter um das eben Gedachte oder Erlebte, sondern frage dich: Wie riecht es gerade? Welche Temperaturen herrschen? (Für den Tastsinn) Was höre ich? Diese drei Sinne reichen oft schon aus. 

Sehen würde ich zu Anfang ganz bewusst weglassen, weil das häufig wieder ins Grübeln mündet.

Die bewusste Wahrnehmung über deine fünf Sinne katapultiert dich geradewegs ins Hier und Jetzt. Du brauchst dazu kaum Zeit zu investieren, ja noch nicht einmal zu meditieren. 

​Kleine Einheiten im Alltag

Nimm dir vor, zweimal täglich diese Übung zu machen. Am effektivsten ist es, du planst schon gezielt, wann und in welcher Situation du das machen möchtest.

Ein Beispiel:
Wenn du morgens die Schlüssel in die Hand nimmst, um das Haus zu verlassen, rieche, fühle und höre für einen Moment.

Wenn du abends zum ersten Mal auf die Couch sitzt, rieche, fühle und höre bewusst.

Mit minimalem Zeiteinsatz kannst du dich auf diese Art zweimal täglich ins Hier und Jetzt versetzen. Das dauert keine zwei Minuten und lässt sich in jeden noch so stressigen Alltag einbauen.

Selbst wenn gerade deine Kinder kreischen: Höre ganz bewusst hin, fühle die Temperatur oder Unterlage, auf der du gerade sitzt und schnuppere einen Moment. Nach diesen Sekunden kannst du dich der Ursache des Kinderkonflikts kümmern und bist nebenbei auch noch ruhiger geworden.

Im Hier und Jetzt zu sein beruhigt. Die Gedanken halten inne und das allgemeine Tempo wird gedrosselt. Du begibst dich von der Autobahn in die 30er Zone zum Cruisen. Denn du hast gerade nichts vor und kein bestimmtes Ziel.

(Für alle, die schon bei mir im Kurs waren: Die Hier-und-Jetzt-Wahrnehmung kannst du wunderbar mit der Übung für Achtsamkeit verbinden. Beide ergänzen sich und gehören irgendwie zusammen.)

Warum ist es so wichtig im
Hier und Jetzt zu sein?

Unser Leben findet immer nur i​n diesem Moment statt. Nur jetzt können wir erleben und erfahren was uns geschieht. 

Was gewesen ist können wir nicht mehr gestalten und darüber was sein wird, haben wir jetzt noch keine Macht.

Unsere Gefühlswelt macht leider keinen Unterschied zwischen reiner Vorstellung und dem, was wirklich geschieht. Indem du Vergangenem nachhängst, erzeugst du exakt die gleichen Gefühle wie beim wirklichen Erleben dieser Sache. Mitsamt den dazu gehörenden Hormonen. So kann dich eine Angelegenheit immer weiter stressen und unglücklich machen.

Und wenn du dich gedanklich dauernd in der Zukunft aufhältst, versuchst du entweder der Gegenwart zu entfliehen oder machst dir Sorgen. 

Sorgen versetzen dich in angstähnliche Zustände und auch hier erzeugt die innere Vorstellung die gleichen Gefühle als geschähe es dir wirklich.

Natürlich gibt es konstruktives Pläneschmieden, verantwortliche Vorbereitungen treffen und schöne Erinnerungen. In diesem Beitrag soll es um die destruktiven Aspekte gehen, die uns den Zugang zum Hier und Jetzt verweigern.

Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit

Im Hier und Jetzt zu sein verleiht uns Lebendigkeit. Das Leben wird intensiver und gleichzeitig ruhiger. Wir spüren (uns) wieder mehr.

Die meisten Menschen setzen auf starke Reizeinflüsse, um Lebendigkeit zu fühlen. Das ist keine gute Strategie. Denn wir wissen aus Erfahrung oder Beobachtung anderer, dass die Reize immer stärker werden müssen, um noch etwas fühlen zu können.

Es ist wirklich so: Je ruhiger wir werden, desto intensiver ist unser Erleben.

Es ist also eine sehr sinnliche Angelegenheit, im Hier und Jetzt zu sein. Mit Sinnlichkeit verbinden die meisten Menschen erotische Erlebnisse. Das ist aber nur ein Aspekt von Sinnlichkeit. Ein anderer ist, körperlich etwas genussvoll und bewusst erleben zu können. Wie schon die erste Silbe verrät, führt der Weg über die Sinne.

Sinnlichkeit im Hier und Jetzt

www.dompierre.eu

​Gegen die Zeitverschwendung

Neben Ausgeglichenheit, Ruhe und Genussfähigkeit stellt sich auch das Gefühl der  Sinnhaftigkeit in deinem Leben ein. 

Wenn es dir durch regelmäßiges Üben gelingt immer öfter im Hier und Jetzt zu sein, bist du immer mehr bei dem, was du gerade tust. Auch bei dem Menschen, mit dem du gerade zusammen bist. Und ja, auch bei den unangenehmen Dingen, die gerade anliegen.

Damit verschwindet dann langsam das Gefühl, deine Zeit mit etwas zu vergeuden. Es gibt kaum etwas Unerträglicheres für den wohlstandsgeplagten Menschen der westlichen Welt als Sinnlosigkeit. Dieses beklemmende Gefühl von verplemperter Lebenszeit und verpasster Möglichkeiten.

Das passiert dir im Hier und Jetzt nicht mehr. Du bist gerade immer richtig und wirst das Beste aus der Situation machen. Oder du wirst merken, dass du gegenwärtig deine Zeit nicht sinnvoll einsetzt und beendest im besten Falle diesen Zustand. Das stiftet Sinn.

​Meditation ist das
ultimative Hier und Jetzt

In der Meditation üben wir im Hier und Jetzt zu sein.

Wir finden es im Raum zwischen zwei Gedanken. Je ruhiger unser Gedankenstrom wird, desto häufiger tut sich dieser Zwischenraum auf. Und desto länger dehnt er sich aus. D​ort findet Meditation statt. Es ist das Hier und Jetzt.

Indem du regelmäßig meditierst, begibst du dich für die Zeit der Meditation bewusst in den Zustand, wo du das Hier und Jetzt finden kannst. Es sind zu Beginn deines Meditationsweges immer nur Momente, in denen du in diese Zwischenräume eintauchst. Mit fortschreitender Praxis dehnen sie sich aus und werden häufiger.

Diese Erfahrung überträgt sich dann irgendwann auf dein Alltagsbewusstsein. Dazu ist es nötig, täglich in die Meditation zu gehen.
In Kombination mit der 2-Minuten-Übung oben beschleunigst du den Prozess.
​Auch wenn du noch nicht meditierst (warum eigentlich nicht  🙂 ?), hilft dir diese kurze Übung, immer mehr im Hier und Jetzt zu sein.

Die Stille im Kopf - nach der wir uns so sehnen - liegt im Moment. Jetzt.

Über Meditation – Audio Mitschnitt Vortrag

Zur Zeit gebe ich eine Vortragsreihe über Meditation. Darüber, was sie kann, über die größten Irrtümer und wie sie gelingt, bzw. wie sie garantiert nicht gelingt.


Es war toll, euch zu begegnen, und ich habe mich sehr über all die tollen Wortmeldungen gefreut.
Vielen Dank fürs Kommen und Mitmachen.

Das war sehr viel Information auf einmal, deswegen gibt es hier noch mal kurze Ausschnitte zu den jeweils wichtigsten Themen. Beide Audios sind jeweils drei Minuten lang.

Audio zum Nachhören

 - Auswirkung der Meditation auf das Gehirn: neue Synapsen werden gebildet, die Hirnmasse wächst
- Wahrnehmung und Denken verändern sich: wir beurteilen Dinge anders, finden kreative Lösungen
- Effekt im Alltag: während einer Stresssituation aussteigen, so gewinnen wir Kontrolle und reagieren nicht                                            nur, sondern agieren wieder aktiv

- Meditation im engeren und weiteren Sinne: warum die Unterscheidung wichtig ist
- Über die Wichtigkeit der Reflexion darüber, was in uns geschieht, wenn wir meditieren
- Leere im Kopf - ein hartnäckiger Mythus

Andere gibt es schon genug

Andere gibt es schon genug

Warum Hochsensible (HSP) anders ticken, Abitur mit Fünf in Mathe und selbstverständlich ist der Montag rot.

Immer wieder habe ich Begegnungen, nach denen ich traurig bin. Wir hatten eigentlich eine gute Zeit miteinander, tief gehende Gespräche und der Humor kamen auch nicht zu kurz.
Dennoch hängt das Echo von Melancholie noch in der Luft, wie eine abgestreifte Außenhaut, die die Andere vergaß, mitzunehmen.

Als hochsensibler Mensch oder, wie mein lieber Mentor Walter Lübeck immer sagt, als medial Begabte, begegnet man vielen Herausforderungen. Der Grat zwischen Feinfühligkeit und Überforderung ist mitunter schmal und die Reizüberflutung eine echte  Prüfung, und das schon ganz ohne die allgegenwärtigen medialen Impulse.

Als junge Frau und schon in der Mittelstufe des Gymnasiums war ich ständig angespannt und musste viel schlafen. 
Heute bin ich nur noch manchmal angespannt und habe Zyklen von einigen Monaten, während denen ich fit und wach bin, um dann ein verlängertes Wochenende zu ruhen. Ich bin mit fast vierzig lebendiger und belastbarer als mit anfang zwanzig.

Die nette Fünf

Ich war schlecht in Physik und Chemie. Seit der achten Klasse hatte ich durchgängig eine Fünf im Zeugnis stehen, zumindest in Mathe. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Mathelehrer am Elternsprechtag zu meiner Mutter sagte: "Sie ist eine so nette Person, ich mag Ihre Tochter wirklich. Aber Mathe kann sie einfach nicht. Das ist und bleibt eine Fünf. In diesem Fall eine nette Fünf." 
Meine Mutter schnappte nach Luft, ich starrte auf den Boden - all die Nachhilfestunden hatten nicht gefruchtet.

Die Wahrheit ist, dass ich mich nie um die reine Leistung geschert habe. Ich konnte nicht diesen Ehrgeiz verspüren, den ich bei so vielen meiner MitschülerInnen beobachtete. Büffeln, um eine Eins zu schreiben, weinen, wenn es "nur" eine Eins-bis-Zwei wurde, das Feilschen um jeden kleinen Punkt bei Durchsicht der zurückgegebenen Klassenarbeiten. Es war mir einfach egal.
Wenn mich aber der Stoff interessierte, die Materie eine Faszination auf mich ausübte, ich mich in meinen intellektuellen Fähigkeiten gefordert sah, dann blühte ich auf. So schaffte ich es in einem Jahr in Chemie mühelos auf eine Zwei, weil mich das Atommodell gefesselt hatte.
Doch oft saß ich stumm da und beneidete meine KameradInnen um den Trubel, den sie ob ihrer Noten veranstalteten und wünschte mir, ein Mal so empfinden zu können wie sie.
Da ich in anderen Hauptfächern gute Noten hatte, wurde ich auch mit zwei Fünfen versetzt.

Nicht so zu sein wie die anderen, empfand ich gerade während meiner Pubertät als Makel. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, Individualität als positives Merkmal zu verstehen. Ich war ein bisschen Außenseiterin, wurde aber gemocht und nie gemobbt.
Ich fand es merkwürdig, dass die anderen nicht hörten, wenn jemand das Eine sagte und an das Andere dachte. Dass sie nicht die Gebilde, die ein Lehrer mit sich herumtrug, bemerkten, obwohl sie ihn in klaren Konturen umgaben.
Dass sie brav die Interpretationen eines Werkes von Bach auswendig lernten (wir waren an einem Musikgymnasium), aber keine Farben und Texturen sahen und auch nicht die Wellen, die durch den Körper gehen und einem den Atem nehmen. Dass sie nicht nachvollziehen konnten, wie einem im Konzert die Wucht des Sinfonieorchesters unerträglich werden kann.

HSP Hochsensible Persönlichkeiten

Heute weiß ich, dass man solche Menschen hochsensible Personen (HSP) nennt. Wer diesen Begriff in der Suchmaschine eingibt, findet massenhaft Informationen darüber, was Hochsensibilität ist und wie sich hochsensible Menschen fühlen.
Wenn du merkst, dass die anderen weder Anteil haben an deiner Welt noch an deiner Wahrnehmung, fühlst du dich alleine, auch wenn du Teil einer Gemeinschaft bist. Du hörst auf, deine Gedanken mitzuteilen. Du erwartest kein Feedback mehr. Du diskutierst über Themen, die den anderen wichtig sind. Du hast schon lange damit aufgehört spontan zu äußern, dass da dieser Geruch wäre. (Weil dein Benehmen mit spöttischem Kopfschütteln kommentiert wird und sowieso niemand anders etwas riecht.)

So ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass ich schon früh damit begann, mich mit mentalen Phänomenen zu beschäftigen. Ganz bestimmt hätte es mir sehr geholfen, wenn es zu meiner Schulzeit schon das Internet in der Form gegeben hätte, wie wir es heute haben.
Ich aber war fasziniert vom Autogenen Training und den Möglichkeiten der Autosuggestion und Selbsthypnose. Ich experimentierte viel damit herum, beschleunigte und verlangsamte meinen Puls, ließ mich blass und schwindelig erscheinen und versetzte mich in einen Zustand bis mir wirklich schlecht war, um mich vor dem Schulsport zu drücken. Leichte bis mittelschwere Kopfschmerzen konnte ich veratmen, und ich wurde unabhängiger von Aspirin.
Nach meinem Abitur - natürlich mit einer Fünf in Mathe 🙂 - fand ich zur Meditation, die ich auch heute noch regelmäßig praktiziere. Eine Gemeinschaft von Zen-Buddhisten wies mich in die hohe Kunst der Meditation und Kontemplation ein. Und während Gleichaltrige an den Abenden in die Kneipen gingen, saß ich andächtig lauschend in nach Räucherstäbchen riechenden Räumen, weil gerade ein aus Tibet angereister Lama seine Weisheiten teilte und erzählte davon natürlich nur sehr wenigen Vertrauten.

Die leisesten Töne hören

Nein, dies sollte kein Artikel darüber werden wie schwer es HSP haben oder womit ich zu kämpfen hatte. Es soll auch keine Entschuldigung für narzisstisches und egozentrisch Auftreten sein à la "Ach, was bin ich doch sensibel! Die Welt muss große Rücksicht auf mich nehmen."

Hochsensible sehen die unendliche Schönheit in ihren Mitmenschen und der Welt, die anderen verborgen bleiben. Sie nehmen selbst die leisesten Töne wahr. Engagiert in pädagogischen Berufen, erkennen sie das Talent der Kinder und Jugendlichen, die nicht immer am lautesten auf sich aufmerksam machen.
Als Erwachsene, wenn sie hoffentlich ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln haben, fühlen sich die anderen in ihrer Gesellschaft wohl. In helfenden Berufen sind sie ein Segen und in Liebesbeziehungen wunderbare Partner. Das Leben Hochsensibler ist sehr bunt und reich.

Anders zu sein ist kein Makel.​ Statt unglücklich zu sein im dauerhaften Versuch sich anzupassen, sollten wir es wagen, uns der Welt zu zeigen. Ob HSP oder andere "Besonderheiten" - egal. Die Welt braucht immer dringend jene Besonderheiten, mit denen uns das Leben ausgestattet hat.

Seit über fünfzehn Jahren praktiziere ich Meditation. Sie hat mich belastbarer gemacht und führt mich in die Ruhe, die ich brauche. Mit ihr kann ich über Erlebtes reflektieren und bin mit meinem Körper tief verbunden. Statt zu lamentieren wenn ich ruhebedürftig bin, erlaube ich mir die nötige extra Portion Schlaf. Statt mich immer mehr abzuschotten, schaffe ich mir Zeit-Inseln des Rückzugs, denn ich bin in Wahrheit sehr gerne unter Menschen und genieße die Interaktion.

Man muss sein Anderssein nicht wie eine Trophäe vor sich hertragen. Man muss aber auch nicht ständig mit dem Gefühl der sozialen Isolation leben. Wer ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt oder hat, erkennt an, dass die eigenen "anderen Facetten" eine Bereicherung sind und sorgt für seine besonderen Bedürfnisse. Die Kunst besteht darin, eine Plattform oder Wirkungsstätte zu finden, wo sich diese Qualitäten zum Wohle anderer oder einer Sache zum Ausdruck kommen.

Montag = rot

​Eines der großen Missverständnisse der Menschen ist ja, anzunehmen dass alle anderen so empfinden wie man selbst. Zu glauben, wir fühlen und erleben fast das gleiche.
Zur Hochsensibilität gesellt sich bei mir noch die Synästhesie dazu. Ich dachte ehrlich, alle Menschen würden in Farben, Formen, Strukturen und Klängen kategorisieren. Vor zwei Jahren las ich ein Interview mit einem Schriftsteller, der Synästhesie beschrieb und hörte zum ersten Mal davon, dass das ein Syndrom sei.
Aufgeregt rief ich meine Mutter an und fragte: "Welche Farbe hat Montag?" Sie reagierte genauso verständnislos wie mein Mann. Noch nie war ich so überrascht und gleichzeitig erleichtert. So vieles erklärt sich im Nachhinein!  Mein Gehirn muss viel mehr leisten, die Synästhesie lässt sich nicht ausschalten.
So ist es nicht verwunderlich, dass ich genau weiß wie Menschen der allgegenwärtigen Reizüberflutung entgegentreten können. Es ist meine größte Erfüllung, wenn Menschen immer wieder sagen "in deiner Gegenwart werde ich automatisch ruhig" und wenn sie erfolgreich Strategien in ihr Leben einbauen, die sie ruhiger und stressresistenter machen und sie davon erzählen. Meine angebliche Schwäche ist hier eine große Stärke.

Andere gibt es schon so viele - zeige dich und finde deine Ausdrucksform, mit der du wirken kannst.
Weil du genauso bist wie du bist. Zum Glück.

Über Nähe und Distanz

Über Nähe und Distanz

Krebs gibt einem nicht viel Zeit, sich umzustellen. 
Wenn der erste Schock schwindet und der Verstand zu erfassen beginnt, was all das bedeutet, sind die Mediziner schon längst drei Schritte weiter. Untersuchungen, Chemotherapie, Bestrahlung - es gibt kaum Zeit dazwischen, in der sich die Familie in Ruhe miteinander austauschen kann. In dieser Hektik traue ich mich kaum nach den Nebenwirkungen und Risiken zu fragen. Alternativen? Der Arzt schnaubt verächtlich.

Ich weiß nicht was all das für meinen Vater bedeutet. Ich weiß nicht was er fühlt. Ich kenne seine Gedanken kaum. Ich traue mich nicht, ihn zu fragen. Das ist die Wahrheit.
Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen. Aber ich weiß, dass ich einen starken, gesunden Körper habe. Manchmal, vor dem Einschlafen, stelle ich mir vor, ich wäre er, wir tauschen die Körper. Dann liege ich im Bett neben meiner Mutter und lausche ihrem Atem. "Wie lange werde ich das noch hören können?" Bevor die Verzweiflung übermächtig wird, höre ich mit diesem absurden Versuch auf.

Viele Wahrheiten

Eine weitere Wahrheit ist, dass mein Vater mit all den Veränderungen nicht gut klarkommt. Plötzlich ist er nicht nur schwer krank, sondern auch noch behindert. Bald sogar amtlich mit Ausweis.
Mit einem Mal stehen finanzielle Sorgen im Raum. Er wird bald Krankengeld beziehen, viel weniger als sein Monatslohn. Meine Mutter ist auch krank geschrieben und bezieht bald ebenfalls nur noch Krankengeld.
Wir diskutieren meines Vaters berufliche Perspektive. Vielleicht kann er einige Stunden am Tag von zuhause aus arbeiten ... Im Nachhinein möchte ich fast auflachen ob solcher Ideen. Überleben sollte das einzige Thema sein, um das wir uns kümmern. Aber das wissen wir noch nicht.
So viel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten als Gegenpol zu den unzähligen Ausnahmesituationen, das ist unsere persönliche Familientherapie.

Die Aussicht bald als invalider, vielleicht sogar an den Rollstuhl gebundener Mann zu hause, ohne Aufgaben sein Dasein zu fristen, ist schlimm für meinen Vater. Er möchte nicht nur gebraucht werden, sondern produktiv sein. "Du bist dann mein Hausmann, kümmerst dich um den Haushalt und organisierst alles im privaten Bereich", versucht ihn meine Mutter aufzumuntern.
Das reicht ihm nicht. Es geht also nicht nur um das fehlende Einkommen. Er plant ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten über die Option "Homeoffice" und wird zufriedener.
Was ihm aber noch mehr zusetzt sind die Kompetenzen, die wir ihm Schritt für Schritt aus der Hand nehmen. Zugang und Passwort für das Online Banking, Entscheidungen was eingekauft wird, über all das hat er plötzlich nicht mehr zu bestimmen. Angesichts der bedrohlichen Krankheit eigentlich nebensächlich, sollte man meinen. Aber diese Veränderung fällt meinem Vater am schwersten.
Wir versuchen, es ihn nicht merken zu lassen, aber Fakt ist: Er kann all das nicht mehr. Er vergisst viel und selbst kleinste Entscheidungen können ihn überfordern.

​Seine soziale Stellung innerhalb der Familie ändert sich abrupt.

Herausforderungen als Tochter

Meine Mutter ist bei jeder Behandlung, bei jeder Untersuchung dabei.
Aus Rücksicht auf alle, denen eine Strahlentherapie noch bevorsteht, unterlasse ich es zu beschreiben, warum sie auch  dafür mitkommen musste. Die meiste Zeit verbringt sie im Krankenhaus mit meinem Vater und als er wieder zurück nach hause kommt, ist neben den täglichen Fahrten in die Klinik, immer viel zu organisieren. Am praktischsten ist, dass ich mich darum kümmere, dass alle Rechnungen weiterhin pünktlich bezahlt werden und die Schwerbehinderung beantragt wird. Wir müssen auch eine Übersicht über die Finanzen erstellen, um planen zu können.

Ich weiß noch genau wie es sich anfühlte als ich den Zugang zum Online Banking meiner Eltern bekam. Wieder zu hause, 600 km weiter nördlich, starre ich immer wieder den Bildschirm meines Computers an und habe eine natürliche Hemmung, mich einzuloggen.
Ich werde den Kontostand meiner Eltern sehen. Ich werde ihre Einkäufe sehen. Ich dringe tief in ihre Privatsphäre ein.
Mein Blick wandert zu den Leitz-Ordnern mit ihren Versicherungen, Sparverträgen und sonstigem. Auch die möchte ich nicht öffnen.

Nach anfänglicher Überwindung ist es bald selbstverständlich für mich, die sensiblen Unterlagen zu durchforsten. Ich bespreche mich mit meinem Steuerberater, telefoniere mit der Versicherung.
Aber ein komisches Gefühl bleibt.

Die Lösung bringt ein offenes Gespräch mit meinen Eltern. Ich erzähle ihnen wie sich diese Grenzüberschreitung für mich anfühlt und dass ich mir bewusst bin, dass es eine Grenzüberschreitung ist. Da mein Vater sowieso schon unter seinem Kompetenzverlust leidet, adressiere ich folgendes vor allem an ihn:
"Ich verlasse in manchen Angelegenheiten nun die Rolle als Tochter und übernehme Verantwortung, die man eigentlich als Eltern seinen Kindern gegenüber einnimmt. Ich treffe Entscheidungen und dringe in eure Privatsphäre ein. Sobald sich die Situation verändert und das nicht mehr nötig ist, werde ich diese Rolle wieder ablegen und meinen Platz, der mir als euer Kind geziemt, wieder einnehmen. Das ist nur vorübergehend so."
Wir sind alle drei ziemlich erleichtert.

Scham

Mein Vater bekommt nun immer Schweißausbrüche, wenn ihn etwas stresst. Auch emotionale Angelegenheiten. Wenn es schlecht läuft, bekommt er einen "seiner Anfälle". Eine Welle Schmerz übermannt ihn dann, er beginnt zu weinen und zu hyperventilieren.
Ich bin ein Mal bei einer solchen Attacke dabei. Meinem Vater ist das hinterher unangenehm, und er möchte sich entschuldigen. Ich bin aber extra im Raum geblieben als es passierte, um ihm zu zeigen, dass er sich nicht zu schämen braucht und dass ich belastbar bin. Ich glaube, es wird noch einiges mehr sein, das ich zu sehen bekommen werde.
Trotzdem habe ich auch hier einen Moment lang das Gefühl, in die Privatsphäre meiner Eltern einzudringen als meine Mutter beruhigend auf ihn einredet und ihn wiegt wie ein Kind. Verlegen schaue ich zu Boden.

Nähe

"Möchtest du mich nicht mehr anfassen, weil ich Krebs habe?" Es ist eine dieser Aussagen, die ich mir notierte, weil ich sie mich tief durchdrungen haben und ich den Moment festhalten wollte.
Ich hatte gezögert, meinen Vater zu umarmen.
Ich spüre Unsicherheit, weil ich befürchte, er könnte Schmerzen spüren, aber die Wahrheit ist: Wir haben uns vorher auch nur selten in den Arm genommen. Wenn ich es genau überlege, haben wir es meist vermieden einander überhaupt zu berühren. Seit meiner Pubertät ist das so.

​Eine weitere Wahrheit ist: Man kann nicht plötzlich Nähe herstellen, die vorher nicht bestand.
Mit Fortschreiten der Krankheit hasse ich mich manchmal dafür, dass ich das nicht einfach überwinden kann. Ihm zuliebe. Aber es geht nicht. Irgendwann entscheide ich mich dafür, authentisch zu sein. Ich berühre ihn, wie und wann mir danach ist und lasse es bleiben, wenn ich mich dabei unwohl fühle. Also fast nie.

​Noch eine unangenehme Wahrheit: Manchmal habe ich Hemmungen, seinen verfallenden, kranken Körper zu berühren, weil es mir davor graust. Seine Frage, die ich zu Beginn dieses Abschnitts wiedergegeben habe ist nicht sehr weit von der Realität weg. Ja, es überkommt mich ab und zu ein gewisses Schaudern, als könne ich ebenfalls krank werden, wenn wir uns zu nahe sind. Und ich habe Angst davor, zu spüren was er spürt. Ich könnte das nicht aushalten.

Um Nähe herzustellen wie ich mir - und vielleicht auch er sich - das wünsche, bräuchten wir Zeit. Das ist ein Prozess. Dann hätte ich mich wahrscheinlich auch getraut, all die Fragen zu stellen, die nun für immer ungestellt bleiben. Dann müsste ich mir nicht wieder und wieder vorstellen, was wohl in ihm vorgegangen war. Welche Ängste quälen  ihn am meisten? Ab wann spürt er, dass er nicht mehr genesen wird? Fürchtet er sich vor dem Tod? Welche Sorgen macht er sich um jene, die er zurücklässt? 
Was sind seine schönsten Erinnerungen? Was wünscht er sich für uns?

Krebs ​kann ein Tempo vorgeben, das für solche Prozesse keinen Raum lässt.

Loslassen in seiner radikalsten Form

Es existiert keine höhere Schule als das Leben selbst. Neulich wurde ich zu einem sehr besonderen Ereignis am anderen Ende des Spektrums "Leben" eingeladen, um das Loslassen unter extremen Bedingungen zu lernen. Es galt, für immer Abschied zu nehmen. Aber damit was das Thema Loslassen noch nicht erledigt.

Fatale Fehldiagnose

Als mein Vater wegen seiner noch nicht diagnostizierten Krebserkrankung schon erhebliche Schmerzen hatte, vertraute er sich endlich seiner Hausärztin an. Er setzte großes Vertrauen in sie.

Ich war bei den Terminen nicht dabei, aber es kam mir schon komisch vor, dass sie ihm sofort Cortison verschrieb. Sie hatte den dringenden Verdacht auf Rheuma und verabreichte das antientzündliche Medikament, weil es auch zur Diagnosefindung dient. Wenn es sich um Rheuma handelte, würden die Symptome wesentlich besser werden.

Es wurde nichts besser, die einzige wesentliche Veränderung war die rapide Verschlechterung der Lage. Mein Vater war zunehmend in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, der Rücken schmerzte, aber auch Beine und Schultern.

Die Ärztin verschrieb ebenfalls Physiotherapie. Der Physiotherapeut knetete meinen Vater nicht nur gründlich durch, sondern spannte ihn auch auf die Streckbank, wo er vor Schmerzen laut aufheulte. Dann verließ der Therapeut den Raum mit dem Hinweis, er käme "bald zurück".

In den darauffolgenden Sitzungen ließ er meinen Vater außerdem auch noch mit überstrecktem Rücken über einen Gymnastikball liegen. Bei den Verspannungen sei es kein Wunder, dass es so wehtue, er solle sich mal durch den ersten Schmerz durchbeißen und nicht so wehleidig sein. Der Physiotherapeut verließ sich natürlich auch auf die Diagnosestellung der Hausärztin.

Wie sich später herausstellte, hatte mein Vater zu jenem Zeitpunkt schon diverse Rippenbrüche und zwei gebrochene Wirbel, andere Wirbel standen kurz vor dem Bruch. An drei Stellen war das Rückenmark akut bedroht, so dass bei abrupten Bewegungen eine Querschnittslähmung drohte.

Obwohl es offensichtlich nicht angeschlagen hatte, wollte die Ärztin das Cortison nicht absetzen und meinte, dass das Medikament auch nicht wirklich schädlich sei, immerhin sei Cortison doch ein Stoff, den der Körper selbst produziere. Sie machte einige Bluttests, um dem Leiden meines Vaters auf die Spur zu kommen und wollte das Cortison in unbestimmter Zeit ausschleichen. Leider waren durch das Cortison einige wichtige Blutwerte verfälscht, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Da dies kein Tagebuch darüber werden soll (obwohl es sich fast so spannend lesen würde wie ein Krimi - da ich aber immer wieder darum gebeten werde, habe ich die Rubrik "Krebs" auf dieser Webseite eingerichtet, wo man mehr darüber lesen kann), was noch alles geschah, verkürze ich die Geschehnisse, um auf das Wesentliche zu kommen. Nachdem mein Vater seinen Zustand nicht mehr aushalten konnte, gab er dem Druck der Familie nach und war bereit, sich in eine Klinik zu begeben. Er bekam eine Überweisung in eine Fachklinik für - Rheuma.

Patient wird ernstgenommen

In jener Rheumaklinik wurden endlich die richtigen Verfahren, nämlich mittels moderner Technik, zur Diagnose eingesetzt und das wichtigste: Man nahm die Symptomatik und den Leidensdruck meines Vaters sehr ernst.

Ein halbes Jahr später starb der Mann, der mich nahezu mein ganzes Leben begleitet hatte und ließ außer seiner erstarrten Tochter auch einen verzweifelten Sohn und eine völlig fassungslose Ehefrau zurück. Er wurde 57 Jahre alt.

Ich glaube nicht, dass er in der verlorenen Zeit eine Chance auf Heilung gehabt hätte. Ich glaube auch nicht, dass sich innerhalb von Wochen die Tumore so explosionsartig verbreiten konnten. Der Krebs war schon längst weit entwickelt. Aber mein Vater hätte viel früher Erleichterung durch Schmerzmittel erfahren können. Es war außerdem reines Glück, dass er nicht obendrein noch querschnittsgelähmt wurde.

Was ich dadurch gelernt habe

Fremd- und Eigenverantwortung

Wir sollten davon ausgehen, dass die allermeisten praktizierenden MedizinerInnen immer ihr Bestes geben. Aber die Gründe, warum sie es manchmal vielleicht nicht können, sollten uns nicht daran hindern, weiter am Ball zu bleiben. Niemand kann die volle Verantwortung für unsere Lage tragen, außer uns selbst.

Wenn wir uns von MedizinerInnen nicht ernstgenommen fühlen, sie vielleicht zu wenig Zeit haben oder wir Zweifel hegen, kann eine zweite fachliche Meinung sehr hilfreich sein. Wir können auch nicht erwarten, dass ein Arzt oder eine Ärztin immer das gesamte Zusammenspiel verschiedener Fachkollegen im Überblick hat, auch wenn das theoretisch der Idealfall ist. Sie haben sehr viele verschiedene Fälle jeden Tag zu betreuen. Als Betroffene/r sollten wir uns deswegen selbst immer verantwortlich dafür fühlen, zu wissen, was gerade wer und warum tut - oder noch tun wollte.

Wer, wie ich, als medizinische Laie immer wieder mit Menschen in Beratungen zu tun hat, die auch krank sind oder es sein könnten, muss sich immer der Grenze klar sein, die nicht nur ethisch zu ziehen ist, sondern die auch die Gesetzgebung vorschreibt. Menschen, die Rat suchen, bringen oft ein großes Vertrauen mit und können auch unrealistische Erwartungen hegen. Wer da als BeraterIn sein Ego nicht im Zaum hat, kann großen Schaden anrichten.

Deswegen rate ich meinen SchülerInnen immer zu Supervision* und regelmäßige Praktiken wie Meditation, die die Persönlichkeitsentwicklung anregen und unterstützen.

Vergeben und Loslassen

Irren ist menschlich. Diese Redewendung hatte in meinem Fall einen mehr als schalen Beigeschmack. Natürlich hegte ich erst einmal großen Groll gegen diese Medizinerin. Als mein Vater starb, schlug die Trauer in Aggression um, die ich mir verbot auszuleben. Ich hatte Gedanken, wie:

  • "Wehe eine Heilpraktikerin hätte eine so krasse Fehldiagnose gestellt, da wäre der Skandal perfekt." Oder
  • "Man sollte das öffentlich machen, damit niemand mehr in ihre Praxis kommt und sie keine Menschen mehr gefährden kann."

Wie können solche destruktiven Gedanken und Gefühle mir helfen, besser mit der Trauer umzugehen? Antwort: überhaupt nicht

Inwiefern bessert sich meine Lage und die meiner Familie, wenn ich so etwas denke oder gar danach handle? Antwort: null

Was ist jetzt am wichtigsten?

Antwort: für meine Familie da sein und Raum zulassen für den Trauerprozess

In jenen Tagen schrieb ich das Buch "Vergebung kommt Herzen".

Ich beschreibe darin, wie Hass und Groll den Geist vergiften und wie Vergebung, trotz schwieriger Lage, gelingen kann. Wie wir uns selbst schaden, indem wir an diesem Groll festhalten und warum Vergebung so heilsam ist.

Konkreten Fallbeispiele stützen diese Thesen und zeigen Wege, die man stattdessen beschreiten kann.

Als ich begriff, dass meine Wut nur das Ventil für die Verzweiflung war, die mich angesichts der harten Realität traf, dass das Schlimmste, nämlich das Ableben meines Vaters, geschehen war und ich merkte, dass ich die Wucht meiner Emotionen auf diese Frau projizierte, wurde ich ruhiger.

Jeden Tag machte ich meine Vergebungsmeditation, die mir auch schon ein Jahr zuvor geholfen hatte, die Einzelteile meine Seele wieder zusammenzusetzen. Ich schrieb das Buch zu ende und konnte es um weitere wertvolle Aspekte bereichern, weil meine Eindrücke so frisch waren.

Die letzte wichtige Lektion meines Vaters​

Mein Vater hat mich vieles gelehrt, von dem ich heute sehr profitiere.

Seine Krankheit und sein Sterben haben mir außerdem beigebracht, wie wertvoll und kostbar Lebenszeit ist und dass das weitaus mehr als ein Kalenderspruch ist. Es zählt wirklich jeder Augenblick und wie ich die Qualität eines jeden Moments gestalte.

Vergebung bedeutet ja nicht nur, einem anderen Menschen etwas zu verzeihen, sondern loszulassen von Gefühlen, die mich in vielfältiger Form behindern und mich vom Wesentlichen, vom Leben selbst, ablenken. Ja, ich wage zu behaupten, vom Leben nahezu abhalten.

Und die größte Übung des Lebens, das Loslassen, hier in seiner radikalsten Form, das war die letzte Lehre von allergrößtem Wert, die mein Vater mir für meinen weiteren Lebensweg mitgegeben hat. Seit über 15 Jahren praktiziere ich schon Meditation und übe mich im Loslassen, aber nie kam ich so weit wie in dem Moment, als sich der Sargdeckel endgültig schloss.

Plötzlich sind Fehldiagnosen, die Frage nach Schuld oder Ähnliches nicht mehr relevant.

* Fachliche Begleitung von Einzelpersonen, Gruppen oder Teams, um das eigene persönliche oder berufliche Handeln zu reflektieren.

Neue Währung Zeit

Die Zeiteinheiten verändern sich. Zwei Wochen waren für mich bisher eine überschaubare Sequenz. Im Zusammenhang mit meinem Vater können sich zwei Wochen inhaltlich auf zwei Monate ausdehnen, wenn man die Krankheit als Skala anlegt. Vor vier Tagen schickten wir uns noch SMS, nun kommt keine Antwort mehr. Es ist zu anstrengend geworden. Innerhalb weniger Tage findet statt, wozu Monate vonnöten wären.

Andererseits vergehen zehn Jahre jetzt innerhalb eines Monats. Bevor mein Vater sehr schwach wurde, alterte er in kurzer Zeit um Dekaden. Jetzt ist er nicht nur äußerlich alt, sondern auch sein Körper vergreist zunehmend. Ein Knochen nach dem anderen bricht, er hat Ostheoporose im Zeitraffer, die Muskeln sind verschwunden und das Atmen wird zur Aufgabe.

Wo die Zeit sich zum Raum ausdehnt

Wenn ich mich darauf einlassen kann und mich auf Zeitreise begebe, und es mir gelingt, seine Welt zu betreten, verschiebt sich die Wahrnehmung nicht nur in Richtung "Zeit ist relativ", sondern etwas Faszinierendes findet statt: Plötzlich lockert die Verzweiflung ihren eiskalten Griff und die Ruhe klopft an.

​Denn im Zeit-Raum meines Vaters ist er als alter Mann am Ende seines Daseins angekommen. Der Tod reicht ihm schon die Hand, der Körper löst sich langsam auf, es ist Zeit zu gehen, und es ist, Hier und Jetzt, die richtige Zeit.

In meinem eigenen Zeitbewusstsein dominiert das Gefühl, dass er lange vor seiner Zeit gehen und viel zu früh sterben muss. Nicht einmal seinen 60. Geburtstag kann er feiern. Er wird keine Enkelkinder im Arm halten, seinen Sohn nicht heiraten sehen, die Rente nicht erreichen.

Die Liste der "Niemalspunkte"wird nie vollständig sein. Das lässt mich mit dem Schicksal hadern und verleiht der Verzweiflung große Macht.

"Zeit ist relativ" - ich verstehe zum ersten Mal in meinem Leben, was das bedeutet und welches Heil in dieser Erkenntnis stecken kann. Von nun an werde ich mich so oft es geht im Zeitraum meines Vaters bewegen, damit mir das Loslassen gelingt.

Guthaben sparen

Ungleich unseres Zahlungsmittels, gibt es hier keine Chance auf ein Darlehen. Wo sollte man auch hingehen, um danach zu fragen? Man muss weise wählen wie die Zeit eingesetzt wird, wogegen sie getauscht wird.

Einer meiner liebsten Kinderbücher und -filme war Momo. Ich sehe diese grauen Herren vor meinem inneren Auge, die mit ihren Zeitzigarren umhergeistern, um den Menschen ihre Zeit zu stehlen. Ich ertappe mich dabei wie ich mir vorstelle, ich fände ein Depot an solchen Zigarren.​ Manchmal ist es einfach schön, sich an einen utopischen Ort mit magischen Möglichkeiten zu träumen.

Was am Ende des Lebens bleibt, sind Erinnerungen. Geh und erschaffe jeden Tag schöne und wertvolle davon.

Maria Jeanne Dompierre

Immer wieder denke ich darüber nach, wie oft wir auch diesbezüglich sinnlos konsumieren. "Am Ende eines Lebens bleiben Erinnerungen", habe ich mal gehört. Während wir lebten, gelte, viele schöne und wertvolle Erinnerungen zu kreieren.

Und dennoch glaube ich auch, dass jeder Mensch die Währung Zeit auf einem Depot ansparen kann, indem er Rauschmittel nur gelegentlich konsumiert, seinen Körper artgerecht ernährt und die Seele pflegt.

Lebenszeit macht nur dann wohlhabend, wenn das Guthaben der Lebensqualität ebenfalls sehr hoch ist.​

Später, als mein Vater im Sterben liegt, sagt meine Mutter: "Er ist zwar noch da, aber er gehört schon nicht mehr uns." Irgendwo zwischen Hier und Dort, ​hat sich ein ganz neuer Raum aufgetan, dessen Pforte aber nur den Scheidenden offen steht. Zeit und Raum sind die Orientierungspunkte der Lebenden; zu dieser neuen Welt, in die mein Vater im Begriff ist zu reisen, habe ich, haben wir, keinen Zutritt mehr.

Ich bin in Norwegen in diesen Tagen und eventuell werde ich meinen Vater nicht mehr wiedersehen. Einerseits macht mich das traurig, ich wäre so gerne bei meiner Familie. Andererseits, und es nicht ganz einfach auszusprechen, bin ich erleichtert, dass ich mich auf so elegante Weise drücken kann. Ich fürchte mich vor der Intensität meines Schmerzes. Ich fürchte mich aber auch vor der Intensität der Gefühle meiner Mutter. Ich weiß nicht wie ich das schaffen soll und doch sollte ich an ihrer Seite sein. Morgen fliege ich zurück.

Krebs – eigene Kategorie im Blog

Wir gehen alle anders mit der extremen Situation um, wenn ein Familienmitglied oder nahestehender Mensch an einer solch lebensbedrohlichen Krankheit leidet wie Krebs.

Jede und jeder trauert auch ganz individuell, wenn der geliebte Mensch stirbt oder bald sterben wird – und doch vereint uns vieles in diesem Prozess.

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Komplette Ruhe für Meditation? Lieber nicht…

Ziehe ich mich in einen Meditationsraum zurück, wenn ich zu hause meditiere? Das wollte Petra aus Herford gerne wissen.

Klar, es ist viel einfacher zu meditieren, wenn du dich in einen Raum begeben kannst und es komplett ruhig um dich herum ist. Aber dieser Luxus ist den meisten, die mitten im Leben stehen, nicht vergönnt. Mitbewohnerinnen und Familienmitglieder leben vielleicht mir dir in einer Wohnung oder die Nachbarn sind direkt hinter deiner Wand unüberhörbar.

Das ist gar nicht so schlecht! Wie bitte, wirst du vielleicht denken, das stört doch gewaltig. Mehr lesen

Was Meditation NICHT ist

Meditation gibt es im weiteren oder im engeren Sinn. Beide Formen haben positive Auswirkungen auf Körper und Geist und bringen Entspannung.

Aber wie unterscheiden sie sich voneinander? Und warum ist es für meine Meditationspraxis wichtig, im engeren Sinne zu meditieren?

 

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