Andere gibt es schon genug

Warum Hochsensible (HSP) anders ticken, Abitur mit Fünf in Mathe und selbstverständlich ist der Montag rot.

Immer wieder habe ich Begegnungen, nach denen ich traurig bin. Wir hatten eigentlich eine gute Zeit miteinander, tief gehende Gespräche und der Humor kamen auch nicht zu kurz.
Dennoch hängt das Echo von Melancholie noch in der Luft, wie eine abgestreifte Außenhaut, die die Andere vergaß, mitzunehmen.

Als hochsensibler Mensch oder, wie mein lieber Mentor Walter Lübeck immer sagt, als medial Begabte, begegnet man vielen Herausforderungen. Der Grat zwischen Feinfühligkeit und Überforderung ist mitunter schmal und die Reizüberflutung eine echte  Prüfung, und das schon ganz ohne die allgegenwärtigen medialen Impulse.

Als junge Frau und schon in der Mittelstufe des Gymnasiums war ich ständig angespannt und musste viel schlafen. 
Heute bin ich nur noch manchmal angespannt und habe Zyklen von einigen Monaten, während denen ich fit und wach bin, um dann ein verlängertes Wochenende zu ruhen. Ich bin mit fast vierzig lebendiger und belastbarer als mit anfang zwanzig.

Die nette Fünf

Ich war schlecht in Physik und Chemie. Seit der achten Klasse hatte ich durchgängig eine Fünf im Zeugnis stehen, zumindest in Mathe. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Mathelehrer am Elternsprechtag zu meiner Mutter sagte: "Sie ist eine so nette Person, ich mag Ihre Tochter wirklich. Aber Mathe kann sie einfach nicht. Das ist und bleibt eine Fünf. In diesem Fall eine nette Fünf." 
Meine Mutter schnappte nach Luft, ich starrte auf den Boden - all die Nachhilfestunden hatten nicht gefruchtet.

Die Wahrheit ist, dass ich mich nie um die reine Leistung geschert habe. Ich konnte nicht diesen Ehrgeiz verspüren, den ich bei so vielen meiner MitschülerInnen beobachtete. Büffeln, um eine Eins zu schreiben, weinen, wenn es "nur" eine Eins-bis-Zwei wurde, das Feilschen um jeden kleinen Punkt bei Durchsicht der zurückgegebenen Klassenarbeiten. Es war mir einfach egal.
Wenn mich aber der Stoff interessierte, die Materie eine Faszination auf mich ausübte, ich mich in meinen intellektuellen Fähigkeiten gefordert sah, dann blühte ich auf. So schaffte ich es in einem Jahr in Chemie mühelos auf eine Zwei, weil mich das Atommodell gefesselt hatte.
Doch oft saß ich stumm da und beneidete meine KameradInnen um den Trubel, den sie ob ihrer Noten veranstalteten und wünschte mir, ein Mal so empfinden zu können wie sie.
Da ich in anderen Hauptfächern gute Noten hatte, wurde ich auch mit zwei Fünfen versetzt.

Nicht so zu sein wie die anderen, empfand ich gerade während meiner Pubertät als Makel. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, Individualität als positives Merkmal zu verstehen. Ich war ein bisschen Außenseiterin, wurde aber gemocht und nie gemobbt.
Ich fand es merkwürdig, dass die anderen nicht hörten, wenn jemand das Eine sagte und an das Andere dachte. Dass sie nicht die Gebilde, die ein Lehrer mit sich herumtrug, bemerkten, obwohl sie ihn in klaren Konturen umgaben.
Dass sie brav die Interpretationen eines Werkes von Bach auswendig lernten (wir waren an einem Musikgymnasium), aber keine Farben und Texturen sahen und auch nicht die Wellen, die durch den Körper gehen und einem den Atem nehmen. Dass sie nicht nachvollziehen konnten, wie einem im Konzert die Wucht des Sinfonieorchesters unerträglich werden kann.

HSP Hochsensible Persönlichkeiten

Heute weiß ich, dass man solche Menschen hochsensible Personen (HSP) nennt. Wer diesen Begriff in der Suchmaschine eingibt, findet massenhaft Informationen darüber, was Hochsensibilität ist und wie sich hochsensible Menschen fühlen.
Wenn du merkst, dass die anderen weder Anteil haben an deiner Welt noch an deiner Wahrnehmung, fühlst du dich alleine, auch wenn du Teil einer Gemeinschaft bist. Du hörst auf, deine Gedanken mitzuteilen. Du erwartest kein Feedback mehr. Du diskutierst über Themen, die den anderen wichtig sind. Du hast schon lange damit aufgehört spontan zu äußern, dass da dieser Geruch wäre. (Weil dein Benehmen mit spöttischem Kopfschütteln kommentiert wird und sowieso niemand anders etwas riecht.)

So ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass ich schon früh damit begann, mich mit mentalen Phänomenen zu beschäftigen. Ganz bestimmt hätte es mir sehr geholfen, wenn es zu meiner Schulzeit schon das Internet in der Form gegeben hätte, wie wir es heute haben.
Ich aber war fasziniert vom Autogenen Training und den Möglichkeiten der Autosuggestion und Selbsthypnose. Ich experimentierte viel damit herum, beschleunigte und verlangsamte meinen Puls, ließ mich blass und schwindelig erscheinen und versetzte mich in einen Zustand bis mir wirklich schlecht war, um mich vor dem Schulsport zu drücken. Leichte bis mittelschwere Kopfschmerzen konnte ich veratmen, und ich wurde unabhängiger von Aspirin.
Nach meinem Abitur - natürlich mit einer Fünf in Mathe 🙂 - fand ich zur Meditation, die ich auch heute noch regelmäßig praktiziere. Eine Gemeinschaft von Zen-Buddhisten wies mich in die hohe Kunst der Meditation und Kontemplation ein. Und während Gleichaltrige an den Abenden in die Kneipen gingen, saß ich andächtig lauschend in nach Räucherstäbchen riechenden Räumen, weil gerade ein aus Tibet angereister Lama seine Weisheiten teilte und erzählte davon natürlich nur sehr wenigen Vertrauten.

Die leisesten Töne hören

Nein, dies sollte kein Artikel darüber werden wie schwer es HSP haben oder womit ich zu kämpfen hatte. Es soll auch keine Entschuldigung für narzisstisches und egozentrisch Auftreten sein à la "Ach, was bin ich doch sensibel! Die Welt muss große Rücksicht auf mich nehmen."

Hochsensible sehen die unendliche Schönheit in ihren Mitmenschen und der Welt, die anderen verborgen bleiben. Sie nehmen selbst die leisesten Töne wahr. Engagiert in pädagogischen Berufen, erkennen sie das Talent der Kinder und Jugendlichen, die nicht immer am lautesten auf sich aufmerksam machen.
Als Erwachsene, wenn sie hoffentlich ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln haben, fühlen sich die anderen in ihrer Gesellschaft wohl. In helfenden Berufen sind sie ein Segen und in Liebesbeziehungen wunderbare Partner. Das Leben Hochsensibler ist sehr bunt und reich.

Anders zu sein ist kein Makel.​ Statt unglücklich zu sein im dauerhaften Versuch sich anzupassen, sollten wir es wagen, uns der Welt zu zeigen. Ob HSP oder andere "Besonderheiten" - egal. Die Welt braucht immer dringend jene Besonderheiten, mit denen uns das Leben ausgestattet hat.

Seit über fünfzehn Jahren praktiziere ich Meditation. Sie hat mich belastbarer gemacht und führt mich in die Ruhe, die ich brauche. Mit ihr kann ich über Erlebtes reflektieren und bin mit meinem Körper tief verbunden. Statt zu lamentieren wenn ich ruhebedürftig bin, erlaube ich mir die nötige extra Portion Schlaf. Statt mich immer mehr abzuschotten, schaffe ich mir Zeit-Inseln des Rückzugs, denn ich bin in Wahrheit sehr gerne unter Menschen und genieße die Interaktion.

Man muss sein Anderssein nicht wie eine Trophäe vor sich hertragen. Man muss aber auch nicht ständig mit dem Gefühl der sozialen Isolation leben. Wer ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt oder hat, erkennt an, dass die eigenen "anderen Facetten" eine Bereicherung sind und sorgt für seine besonderen Bedürfnisse. Die Kunst besteht darin, eine Plattform oder Wirkungsstätte zu finden, wo sich diese Qualitäten zum Wohle anderer oder einer Sache zum Ausdruck kommen.

Montag = rot

​Eines der großen Missverständnisse der Menschen ist ja, anzunehmen dass alle anderen so empfinden wie man selbst. Zu glauben, wir fühlen und erleben fast das gleiche.
Zur Hochsensibilität gesellt sich bei mir noch die Synästhesie dazu. Ich dachte ehrlich, alle Menschen würden in Farben, Formen, Strukturen und Klängen kategorisieren. Vor zwei Jahren las ich ein Interview mit einem Schriftsteller, der Synästhesie beschrieb und hörte zum ersten Mal davon, dass das ein Syndrom sei.
Aufgeregt rief ich meine Mutter an und fragte: "Welche Farbe hat Montag?" Sie reagierte genauso verständnislos wie mein Mann. Noch nie war ich so überrascht und gleichzeitig erleichtert. So vieles erklärt sich im Nachhinein!  Mein Gehirn muss viel mehr leisten, die Synästhesie lässt sich nicht ausschalten.
So ist es nicht verwunderlich, dass ich genau weiß wie Menschen der allgegenwärtigen Reizüberflutung entgegentreten können. Es ist meine größte Erfüllung, wenn Menschen immer wieder sagen "in deiner Gegenwart werde ich automatisch ruhig" und wenn sie erfolgreich Strategien in ihr Leben einbauen, die sie ruhiger und stressresistenter machen und sie davon erzählen. Meine angebliche Schwäche ist hier eine große Stärke.

Andere gibt es schon so viele - zeige dich und finde deine Ausdrucksform, mit der du wirken kannst.
Weil du genauso bist wie du bist. Zum Glück.

Leave a Reply 0 comments

Leave a Reply: